Du sitzt in einem Restaurant in China. Der Kellner legt dir die Karte hin. Alles Chinesisch, kein Bild, kein englischer Untertitel. Du schaust auf dreißig Gerichte und verstehst — nichts. Klingt vertraut? Heute ändern wir das. Mit genau 20 Zeichen kannst du jede normale chinesische Speisekarte grob einordnen: Was ist drin, wie ist es zubereitet, und ob du nachher mit Tränen in den Augen dasitzt.
Chinesische Gerichte sind im Grunde Kombinationen aus drei Elementen: Zubereitungsmethode + Hauptzutat + manchmal Geschmacksangabe. 炒 (chǎo) 鸡 (jī) 肉 (ròu) = gebratenes Hähnchenfleisch. Sobald du diese Bausteine kennst, kannst du die meisten Gerichte zumindest sinngemäß übersetzen — auch wenn du sie noch nie gegessen hast.
Zubereitungsmethoden: Das erste Zeichen verrät fast alles
Das erste oder zweite Zeichen im Gerichtsnamen gibt dir meistens die Zubereitungsmethode. Fünf Zeichen decken den Großteil der chinesischen Küche ab.
炒 (chǎo) ist das häufigste. Wok, hohe Hitze, kurz angebraten — das ist die Technik hinter einem Großteil der chinesischen Alltagsküche. 炒饭 (chǎo fàn) ist gebratener Reis, 炒面 (chǎo miàn) sind gebratene Nudeln. Beide Klassiker, beide günstig, beide überall zu finden.
蒸 (zhēng, gedämpft) erkennst du vor allem bei Dim-Sum-Gerichten und bei Fisch. 炸 (zhá, frittiert) trägt meist den Hinweis, dass etwas knusprig kommt — 炸鸡 (zhá jī) ist frittiertes Huhn. 烤 (kào, gegrillt) begegnet dir häufig bei Straßenessen und beim berühmten 北京烤鸭 (Běijīng kǎoyā, Peking-Ente). 煮 (zhǔ, gekocht) ist die schlichteste Methode — oft in Suppen und Eintöpfen.
Zubereitungsmethode + Hauptzutat = Gerichtsname
炒 + 鸡肉 = 炒鸡肉gebratenes (炒) + Hähnchenfleisch (鸡肉) = gebratenes Hähnchenfleisch
Fleisch & Fisch: Die vier wichtigsten Proteine
Eines vorweg: In der chinesischen Küche ist 肉 (ròu, Fleisch) ohne Präfix meistens Schweinefleisch. Das ist der Standard. Wenn du also 肉 siehst ohne ein vorangestelltes Tier, geh von 猪肉 (zhūròu, Schwein) aus.
Wenn du kein Schwein isst, reicht es, 猪肉 (zhūròu) zu kennen und auf der Karte gezielt danach zu suchen. 鸡 (jī) — Huhn — ist die universelle Alternative und in fast jeder Provinzküche präsent. 牛 (niú) — Rind — ist teurer und regionaler verbreitet; in Innerer Mongolei bekommst du es fast überall, in Südchina seltener.
Wenn du kein Fleisch isst: 我不吃肉 (Wǒ bù chī ròu) ist die direkteste Formulierung. Für vegetarisches Essen gibt es oft eine eigene Sektion auf der Karte, erkennbar an 素 (sù) — vegetarisch. Suchst du so eine Sektion, frag: 有没有素菜?(Yǒu méiyǒu sùcài?)
Grundzutaten: Reis, Nudeln, Ei und die Alleskönner
饭 (fàn) bedeutet sowohl Reis als auch Mahlzeit im Allgemeinen — 你吃饭了吗?(Nǐ chī fàn le ma?) heißt wortwörtlich „Hast du Reis gegessen?“ und ist in vielen Regionen eine normale Begrüßung. Als Bestellung ist 米饭 (mǐfàn) der formellere Begriff für gedämpften Reis; auf einfachen Speisekarten reicht 饭.
面 (miàn) ist eines dieser Zeichen, die dir überall begegnen werden: als 炒面 (chǎo miàn, gebratene Nudeln), 汤面 (tāng miàn, Nudelsuppe) oder in Eigennamen wie 兰州拉面 (Lánzhōu Lāmiàn, Lanzhou-Ziehnudeln). Lern dieses Zeichen — es lohnt sich.
蛋 (dàn, Ei) taucht in Kombination auf: 鸡蛋 (jīdàn) ist das normale Hühnerei, 炒鸡蛋 (chǎo jīdàn) ist Rührei, 茶叶蛋 (cháyè dàn) ist das in Tee gekochte Ei, das du überall an 7-Eleven-Kassen in Taiwan siehst — und manchmal auch auf dem Festland.
豆腐 (dòufu) kennst du vielleicht schon aus dem Deutschen. Das Zeichen 豆 steht für Bohne, 腐 für fermentiert oder weich. Mapo-Tofu — 麻婆豆腐 (má pó dòufu) — ist eines der berühmtesten Gerichte der Sichuan-Küche und enthält beide Zeichen.
Gemüse auf der Speisekarte
Drei Gemüsesorten, die auf chinesischen Speisekarten ständig auftauchen und die du sofort erkennen solltest:
西兰花 (xīlánhuā) ist Brokkoli — das erste Zeichen 西 bedeutet „West“, was die ausländische Herkunft der Gemüsesorte andeutet. Du siehst es oft in 炒西兰花 (chǎo xīlánhuā, gebratener Brokkoli) oder kombiniert mit Fleisch. 白菜 (báicài) — Chinakohl — ist eines der häufigsten Gemüse der chinesischen Küche überhaupt. 白 (bái) heißt weiß, 菜 kennst du schon. Weiß-Gemüse, also Chinakohl. 土豆 (tǔdòu) ist die Kartoffel — wörtlich „Erderbse“. Sie ist in China weiter verbreitet als viele Europäer erwarten, besonders in Nordchina und Sichuan. 土豆丝 (tǔdòu sī, Kartoffelstreifen angebraten) ist ein klassisches Haushaltsessen. 茄子 (qiézi) — Aubergine — taucht vor allem in der nordchinesischen und Sichuan-Küche auf; 鱼香茄子 (yúxiāng qiézi, Aubergine in Fischgeschmack-Sauce) ist eines der bekanntesten vegetarischen Gerichte, das trotz des Namens keinen Fisch enthält.
Geschmack: Das wichtigste Zeichen steht oft am Ende
Vier Geschmacksangaben reichen für die meisten Fälle. Das fünfte — 不辣 (bù là) — ist technisch zwei Zeichen, aber als Phrase so grundlegend, dass es hier als Einheit zählt.
辣 (là) ist das Zeichen, das du zuerst brauchst — besonders wenn du in Sichuan, Hunan oder Guizhou unterwegs bist. Hier sind Gerichte im Zweifel scharf, nicht mild. Ein Kellner, der sagt „ein bisschen scharf“, meint meist etwas, das für Europäer schon sehr scharf ist. Die Abfrage 辣不辣?(là bu là?) vor dem Bestellen erspart dir unangenehme Überraschungen.
酸辣 (suān là) — säuerlich-scharf — ist eine klassische Geschmackskombination der Sichuan-Küche. 酸辣汤 (suān là tāng) ist die bekannte Säuerlich-Scharf-Suppe. Wenn du beide Zeichen nebeneinander siehst, weißt du: das wird intensiv.
Scharf oder nicht scharf fragen:
辣不辣?Là bu là? — Ist das scharf?
Antwort wenn du nicht scharf möchtest:
不辣,谢谢。Bù là, xièxie. — Nicht scharf, danke.
Alle 20 Zeichen auf einen Blick
| Zeichen | Pinyin | Bedeutung | Kontext |
|---|---|---|---|
| 炒 | chǎo | angebraten / Wok | 炒饭, 炒面, 炒鸡蛋 |
| 蒸 | zhēng | gedämpft | 蒸鱼, Dim Sum |
| 炸 | zhá | frittiert | 炸鸡, 炸薯条 |
| 烤 | kào | gegrillt / gebacken | 烤鸭, 烤肉 |
| 煮 | zhǔ | gekocht | Suppen, Eintöpfe |
| 肉 | ròu | Fleisch (meist Schwein) | 猪肉, 牛肉, 鸡肉 |
| 鸡 | jī | Huhn / Hähnchen | 鸡肉, 鸡蛋, 炸鸡 |
| 猪 | zhū | Schwein | 猪肉 = Schweinefleisch |
| 牛 | niú | Rind | 牛肉 = Rindfleisch |
| 鱼 | yú | Fisch | 红烧鱼, 清蒸鱼 |
| 菜 | cài | Gemüse / Gericht | 点菜 = bestellen, 素菜 = vegetarisch |
| 饭 | fàn | Reis / Mahlzeit | 米饭, 炒饭, 吃饭 |
| 面 | miàn | Nudeln | 炒面, 汤面, 拉面 |
| 蛋 | dàn | Ei | 鸡蛋, 炒鸡蛋, 蛋炒饭 |
| 豆腐 | dòufu | Tofu | 麻婆豆腐 |
| 西兰花 | xīlánhuā | Brokkoli | 炒西兰花 |
| 白菜 | báicài | Chinakohl | häufigstes Gemüse |
| 土豆 | tǔdòu | Kartoffel | 土豆丝 = Kartoffelstreifen |
| 茄子 | qiézi | Aubergine | 鱼香茄子 |
| 辣 | là | scharf | 辣不辣?, 辣椒 |
| 不辣 | bù là | nicht scharf | Bestellung: 不辣,谢谢 |
| 甜 | tián | süß | 甜点 = Dessert |
| 酸 | suān | säuerlich | 酸辣 = säuerlich-scharf |
| 咸 | xián | salzig | 太咸了 = zu salzig |
Dialog: Im Restaurant bestellen
Du willst gebratenes Hähnchenfleisch — nicht zu scharf — und dazu Reis. So läuft das Gespräch ab.
Neue Zeichen in diesem Dialog: 炒 (chǎo), 鸡肉 (jī ròu, Hähnchenfleisch), 辣不辣 (là bu là), 不辣 (bù là), 米饭 (mǐfàn, Reis). 一碗 (yī wǎn, eine Schüssel) und 没问题 (méi wèntí, kein Problem) kennt du schon aus früheren Lektionen.
Tipps zum Bestellen ohne Chinesisch-Kenntnisse
Mit diesen 20 Zeichen kannst du eine Karte einordnen. Für den Alltag im Restaurant kommen ein paar praktische Ergänzungen dazu.
Zeigen funktioniert immer. Du siehst auf einer Karte ein Gericht, das mit 炒 beginnt und 鸡 enthält — das reicht, um darauf zu zeigen und 这个 (zhège, dieses hier) zu sagen. Kellner in China sind an zeigende Ausländer gewöhnt.
Bilder sind kein Standard. Viele gute lokale Restaurants haben keine Bilderkarte. Gerade in Nordchina und bei einfachen Nudelläden ist die Karte rein textbasiert. Umso mehr lohnt sich das heutige Vokabular.
Schärfe immer vorher klären. In Sichuan und Hunan ist der Standard scharf. Wenn du 辣不辣? fragst und die Antwort ist 有点辣 (yǒudiǎn là, ein bisschen scharf), dann bereite dich vor — das kann für europäische Gaumen bereits sehr scharf sein.
Allergien auf Chinesisch. Für Erdnussallergien: 我对花生过敏 (Wǒ duì huāshēng guòmǐn). Das ist ein fortgeschrittener Satz, aber wenn du ihn aufschreibst und dem Kellner zeigst, versteht ihn jeder.
Häufige Fragen
Zwanzig Zeichen klingen nach wenig. Aber wenn du das nächste Mal vor einer chinesischen Karte sitzt und 烤鸭 (kǎoyā), 炒面 (chǎomiàn) und 辣 (là) erkennst, wirst du merken: Du liest schon. Nicht alles, nicht fehlerfrei — aber genug, um eine Wahl zu treffen. Und darum geht es.


